23. Oktober 2015

Helmut Clahsen war ein gern gesehener Gast an unserer Schule. Er war immer wieder bereit zu uns in den Geschichts- oder Religions-/PP-Unterricht zu kommen, um über seine Kindheit und Jugend unter der Nazi-Diktatur zu erzählen. Durch seine einnehmende Art verstand er es die Jugendlichen mit seinen Berichten zu fesseln und den Unterricht lebendig und anschaulich zu gestalten. 

Clahsen wuchs als sogenannter "Halbjude" in Aachen auf und musste sich als Kind immer wieder vor den Nazis und ihren Mitläufern verstecken, u.a. auch vor seiner rachsüchtigen arischen Verwandtschaft. Seine Mutter wurde noch vor dem Krieg in einer "Heilanstalt" in Mönchengladbach ermordet und auch sein Vater konnte (oder wollte) ihn kaum schützen. Er überlebte den Krieg in mehreren Verstecken, zuletzt im belgischen Kloster Völkerich, direkt hinter der Grenze. Als der Krieg zu Ende war, war er 14 Jahre alt und hatte schon ein ganzes Leben hinter sich. Aber auch die Aufbaujahre in Aachen und die nur zögerliche Aufarbeitung der Aachener Lokalgeschichte zwischen 1933 und 1945 waren für ihn enttäuschend. Seine Erlebnisse verarbeitete er später als Schriftsteller u.a. in seinem Hauptwerk "Mama, was ist ein Judenbalg?"

Trotz dieser Erlebnisse begegnete er den Schülerinnen und Schüler mit viel Lebensfreude und Energie und begeisterte sie für Werte wie Toleranz und Mitmenschlichkeit. Er sprach offen über die Gewalt unter der Nazi Herrschaft, hatte aber auch immer wieder Beispiele von Menschen, die sich dagegen gestellt und zum Teil ihr Leben riskiert hatten, um ihm zu helfen. Er schaffte es aktuelle Bezüge zu ausländerfeindlichen Tendenzen in unserer Gesellschaft herzustellen. Die Unterrichtsstunden, in denen er uns besuchte, waren viel zu schnell vorbei und wirkten bei den Schülerinnen und Schülern noch lange nach.

Am Freitag, den 23. Oktober ist Helmut Clahsen im Alter von 84 Jahren in Aachen gestorben. Er wird uns fehlen.